Unser Anliegen

Wenn Eltern verhaftet werden, können sich Kinder einer Vielzahl von Herausforderungen gegenüber sehen. Studien in den Vereinigten Staaten haben gezeigt, dass wenn ein Vater ins Gefängnis geht, die Chance, dass die Mutter die Hauptbetreuungsperson bleiben wird, bei 90 % liegt. Wenn allerdings die Mutter ins Gefängnis muss, sinken die Chancen, dass der Vater die Hauptbetreuungsperson bleibt, auf ca. 25 %.  (Ref. 1,2)

Wo ein Kind nach Inhaftierung der Eltern am Ende lebt, hat einen direkten Einfluss darauf, wie sich der Rest seines Lebens entwickelt. Die häufigsten Szenarien sind wie folgt:

(1) Ein Leben bei ihren Eltern im Gefängnis

Viele Frauen sind Mütter, wenn sie ins Gefängnis gehen, oder bereits schwanger. In einigen Ländern werden Mütter bald nach der Geburt von ihrem Neugeborenen getrennt, aber es gibt auch viele Länder, wo die Kinder bis zu einem bestimmten Alter (meist bis 3 Jahre) bei dem Elternteil im Gefängnis bleiben, normalerweise die Mutter. Wenn die Rechte des Kindes und sein Wohlergehen von der Gefängnisaufsicht gewahrt werden, kann dies die wünschenswerteste Situation für die frühkindliche Entwicklung des Kindes sein und verringert das Risiko von Bindungsproblemen.

Unglücklicherweise werden Kinder in zu vielen Ländern behandelt wie Gefangene. Außerdem leben in einigen Ländern die Kinder buchstäblich in Käfigen. Kinder sind auch häufig in hohem Maße der Vernachlässigung ausgesetzt: Sie erhalten keine Essenszuteilungen, was bedeutet, dass sie davon abhängen, dass ihre Eltern das Essen mit ihnen teilen, sie erhalten kaum oder gar keine medizinische Versorgung, und sie erdulden ungenügende sanitäre Einrichtungen. Die Kinder sind sowohl Zeugen als auch Ziel von Gewalt.

In vielen Ländern werden im Gefängnis geborene Kinder nicht im Geburtenregister eingetragen, weil man das nur persönlich bei der Verwaltung der Kommune, in der die Eltern registriert sind, veranlassen kann. Die Mutter kann dies während ihrer Haft nicht tun. Viele Kinder, die mit ihren Eltern im Gefängnis leben, sind auch nicht registriert, weil ihre Eltern zu arm sind oder nicht ausreichen informiert sind, um das zu tun.

(2) Ein Leben außerhalb des Gefängnisses bei Verwandten, in Pflegschaft oder in staatlichen Einrichtungen

Kinder, die nicht bei einem ihrer Elternteile im Gefängnis leben können, leben letztendlich häufig bei dem nicht inhaftierten Elternteil, Verwandten, einer Pflegefamilie oder in einer von der Regierung arrangierten Betreuung.

Wenn Eltern in einem sogenannten „entwickelten Land" ins Gefängnis gehen und das Kind als Folge beide Bezugspersonen verliert, wird das Kind üblicherweise von einem anderen Verwandten betreut, oft den Großeltern, oder gehen in eine Pflegebetreuung. In Ländern mit hohem und mittlerem Einkommen gibt es oft ein grundlegendes Betreuungssystem für Kinder von Inhaftierten. Dennoch werden sogar in den westeuropäischen Ländern die Bedürfnisse und Herausforderungen, denen die Kinder von Inhaftierten ausgesetzt sind, nicht ausreichend angegangen.

In Entwicklungsländern ist die Situation oft ganz anders. Familien sind gewöhnlich größer und mehr Kinder verlieren ihre Bezugsperson(en), wenn Eltern ins Gefängnis geschickt werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Verwandter sich um das Kind kümmert, ist aufgrund von Armut und manchmal Schamgefühl geringer. Außerdem gibt es oft auch keine adäquaten Systeme für die Betreuung dieser Kinder.

In allen Fällen ist die ideale und am wenigsten zerstörerische Situation, wenn es dem Kind ermöglicht wird, bei dem verbleibenden Elternteil oder alternativ in der Großfamilie innerhalb der Gemeinschaft zu bleiben, aber in der Praxis ist dies nicht immer im besten Interesse für das Kind. Verhaftungen geschehen häufig nicht in einem Vakuum, und in zu vielen Fällen gibt es eine Historie von Armut und körperlichem oder seelischem Missbrauch im Vorfeld der Verhaftung eines Elternteils. In anderen Fällen führt die Verhaftung selbst zu einem neuen Umfeld, in dem die Kinder Gewalt (Vergeltung), Missbrauch, Vernachlässigung und Ausbeutung ausgesetzt sind. Aus Erfahrung wissen wir, dass die folgenden zugrundeliegenden Faktoren auch eine Rolle spielen können:

a. In einigen Gesellschaften gibt es die allgemeine Auffassung, dass diese Kinder eine harte Erziehung brauchen, um zu verhindern, dass sie selbst kriminell werden. Körperliche Bestrafung ist in vielen Ländern üblich und ist für diese Kinder oft extremer als für Kinder, deren Eltern nicht eingesperrt sind.

b. iese Kinder werden als zusätzliche Person gesehen, die vom neuen Vormund zu ernähren ist. In Ländern mit niedrigerem Einkommen können sie oft nicht zur Schule, und stattdessen wird von ihnen verlangt, sich ihr Essen durch eine Beschäftigung, Zwangsarbeit oder (sexuelle) Ausbeutung zu verdienen.

c. Diese Kinder müssen mit einem sozialen Stigma zurechtkommen: Kinder von Kriminellen werden oft selbst als Kriminelle angesehen. Deshalb werden sie oft schikaniert, gedemütigt und ihrer Würde beraubt.

d. Diese Kinder erhalten weniger Schutz oder sind vollkommen ungeschützt und daher völlig schutzlos gegenüber Missbrauch, Ausbeutung und/oder Menschenhandel.

(3) Ein Leben auf der Straße

In vielen Ländern mit niedrigerem Einkommen ist eine Pflegeunterbringung oft keine Option. Infolgedessen führt die Inhaftierung eines Elternteils oft zu einem Leben auf der Straße für das Kind. Ein Leben auf der Straße bedeutet für die Kinder, dass es keine Hilfe für sie gibt beim Heilungsprozess nach ihrer traumatischen Erfahrung durch die elterliche Inhaftierung, dass sie sich alleine durschlagen müssen, ohne Versorgung der Grundbedürfnisse wie zum Beispiel Essen, Obdach, Kleidung, Schule, medizinische Versorgung und so weiter. Diese Kinder werden höchstwahrscheinlich auch die Verbindungen zu ihren inhaftierten Eltern verlieren.

(4) Ein Leben in Zwangsarbeit oder Ausbeutung

Kinder, deren Eltern im Gefängnis sind, sind in vielen Ländern schutzlos. Diese Kinder zählen oft zu denen, die Opfer von Kinderhandel werden oder ausgebeutet und zur Arbeit unter sehr gefährlichen Bedingungen gezwungen werden. Eltern wissen häufig nichts über den Verbleib ihres Kindes.

 

Die psychologischen Auswirkungen

Ohne entsprechende Fürsorge und Unterstützung werden die Kinder von Inhaftierten von den psychologischen und emotionalen Problemen, denen sie ausgesetzt sind, überwältigt, und diese können lebenslange Narben hinterlassen. Die Inhaftierung eines Elternteils sorgt für Angst, Verwirrung und Panik. Vor und während des Prozesses empfinden die Kinder Unbehagen und Frustration. Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit kennzeichnen die Urteilsverkündung. Zusätzlich zur Inhaftierung ihrer Eltern erleben die Kinder Verlassenheit, soziales Stigma und Feindseligkeit. Nach der Entlassung haben die Kinder zwiespältige Gefühle. Häusliche Gewalt oder sexueller Missbrauch können psychologische Traumata erheblich verschlimmern. Mögliche Entwicklungs- und Verhaltensauswirkungen, die sich aus der Inhaftierung eines Elternteils ergeben, sind folgende:

• Man beraubt Kinder von Inhaftierten der elterlichen Bindung und sie leiden deshalb emotional und psychologisch darunter.

• Sehr wahrscheinlich wird bei Kindern zwischen 2 und 6 Jahren die Fähigkeit, Selbstständigkeit und Initiative zu entwickeln, durch das Trauma der kriminellen Taten der Eltern und/oder deren Inhaftierung sowie durch die Trennung von Eltern und Kind beschädigt. Die langfristige Auswirkung der elterlichen Inhaftierung könnte in dieser Altersgruppe schlimmer sein, da sie alt genug sind, um diese traumatischen Ereignisse zu begreifen und sich daran zu erinnern, aber zu jung, um diese Qual ohne Hilfe verarbeiten zu können.

• Im mittleren Kindheitsalter (7 - 10 Jahre) hat die elterliche Inhaftierung wahrscheinlich einen großen Einfluss auf die soziale Anpassung. Viele Kinder in dieser Altersgruppe entwickeln ein aggressives Verhalten und haben Schwierigkeiten im Umgang mit anderen, insbesondere in der Schule.

• Die Kinder von Inhaftierten in der Frühpubertät (11 - 14 Jahre) hatten normalerweise vielfältige Erfahrungen mit elterlicher Kriminalität, Verhaftung und Inhaftierung. Viele Kinder dieser Altersgruppe zeigen maladaptive Verhaltensmuster und lehnen Grenzen für ihr Verhalten ab.

• In der Spätpubertät zeigen Kinder von Inhaftierten oft eine höhere Neigung zu Gesetzesverletzungen und haben eine negative Wahrnehmung des Rechtssystems.

Zusammenfassend gilt, dass elterlich Inhaftierung und das daraus folgende andauernde Trauma, die Trennung und unzureichende Fürsorge die Entwicklung des Kindes beeinträchtigt, zu negativen langfristigen Ergebnissen führt, darunter intergenerationeller Inhaftierung. Wenn ein Elternteil ins Gefängnis geht, leidet ein Kind sehr stark, was wiederum seine Chancen auf ein erfolgreiches Leben als Erwachsener beeinträchtigt.

Eine Abwärtsspirale

Derzeit gibt es weltweit Millionen von Kindern mit mindestens einem Elternteil im Gefängnis. Diese Kinder sind weder von Natur aus noch erblich bedingt kriminell. Wir kennen sie. Wir arbeiten seit 1998 mit ihnen und für sie. Ohne Hilfe haben diese Kinder statistisch gesehen eine höhere Wahrscheinlichkeit, den falschen Weg einzuschlagen, wenn sie das Erwachsenenalter erreichen. Zudem wächst die Zahl der Inhaftierten auf allen fünf Kontinenten (Ref. 3). Dies erzeugt schließlich eine negative Abwärtsspirale mit mehr Kindern mit einem inhaftierten Elternteil.

Aus Erfahrung wissen wir, dass die Probleme nicht enden, wenn ein Elternteil entlassen wird. Die Probleme für ein Kind mit einem inhaftierten Elternteil werden nur größer ohne entsprechende Identifizierung dieser Herausforderungen und deren adäquaten Lösungen. Wir glauben, dass jedes Kind die Möglichkeit haben sollte, sein volles Potential zu entwickeln, und wir fühlen uns verpflichtet, diese negative Abwärtsspirale zu beenden.

 

Literaturhinweise
1. The National Resource Center of children and families of the incarcerated (FCN). Rutger University Camden. 2014 Factsheet citing Philips Ph.D., Susan D., Gleeson, Ph.D., James P., Children, Families and the Criminal Justice System, A Research Brief, Center for Social Policy and Research, Univ. Of Ill., Chicago (2007).  http://nrccfi.camden.rutgers.edu/files/nrccfi-fact-sheet-2014.pdf (Retrieved on June 11, 2014).
2. Report card and analysis of federal policies from the National Women’s Law Center, US, October 2010 http://www.nwlc.org/sites/default/files/pdfs/mothersbehindbars2010.pdf  citing Barbara Bloom, Barbara Owen & Stephanie Covington, Gender Responsive Strategies: Research, Practice, and Guiding Principles for Women Offenders 7 (Nat’l Inst. of Corr. 2003). Retrieved on June 11, 2014.
3. International Center for Prison Studies. 10th Edition of World Prison Population List (October 2013). http://www.prisonstudies.org/sites/prisonstudies.org/files/resources/downloads/wppl_10.pdf  (Retrieved on June 11, 2014).